geschichte02Wilhelmine ist vom Schiffstyp ein Ewer: kleine, flachbodige Frachtsegler mit einen und seit dem 19. Jahrhundert auch mit zwei Masten. Die in vielen Variationen gebauten Boote waren das wichtigste regionale Transportmittel, die das Bild unserer Küsten noch vor einem Jahrhundert beherrschten. Diese Fahrzeuge waren die letzten Gebrauchsfahrzeuge, die im norddeutschen Revier allein durch Windkraft und Gezeiten und eine mittlerweile nahezu vergessene Art seemännischen Könnens u.a. Waren aus Kehdingen, dem Alten Land oder den Vierlanden nach Hamburg auf die Großmärkte brachten. Gleichzeitig bildeten diese Schiffe den letzten großen und den bedeutesten, aber auch den kürzesten Abschnitt der kommerziellen Segelschifffahrt.

 
Ein Ewer (vermutlich vom holländischen envarer = Einfahrer, was auf eine ursprüngliche Ein-Mann-Besatzung hindeutet) ist ein kleinerer, aus Friesland stammender Segelschiffstyp mit Flachkiel und einem  (Giekewer) oder zwei Masten (Besanewer). Bei zweimastigen Ewern ist der achtern stehende Besanmast deutlich kürzer als der vor ihm stehende Großmast. Er ist also ein Anderthalbmaster. Ewer sind gaffelgetakelt. Vor dem Großmast fahren die Ewer üblicherweise Klüver und Fock. Typisches Merkmal sind das flache Unterwasserschiff und häufig Seitenschwerter, mit denen bei Am-Wind- und Halbwindkurs die Abdrift verringert wird.

Handelssegler waren seit jeher ein wichtiger Bestandteil des Wirtschaftsgefüges an den Küsten. Ihre Bauart hatte sich über Jahrhunderte entsprechend der Anforderungen des Reviers und Einsatzzweckes entwickelt. Überall waren es in erster Linie landwirtschaftliche Produkte und andere Bodenerzeugnisse, zu deren Transport diese Fahrzeuge dienten.

Das einsetzende starke Wachstum der Städte, in denen in erster Linie Handel und Handwerk betrieben wurden, sicherten den kleinen Lastenseglern anschließend über lange Zeit eine weitere große Bedeutung, nämlich den Transport von Nahrungsmitteln und Handelsgütern aus dem Umland in die Städte. Die Kleinschifffahrt auf der Elbe wurde vor allem durch die stetige Entwicklung der Hansestadt Hamburg und durch die Charakteristik der norddeutschen Landschaft geprägt, Hamburg hatte einen enormen Bedarf an Lebensmitteln, Wirtschaftsgütern und sonstigen Waren aus dem näheren und ferneren Umland, gleichzeitig machten die vielen kleinen Nebenflüsse und Wasserläufe, die von der Geest in die Elbe flossen, einen anderen Transportweg, als den auf dem Wasser, für lange Zeit unmöglich. Genau diese ermöglichten es aber, nahezu jeden Ort im Hamburger Umland per Schiff zu erreichen.geschichte5

Mit den Ewern entwickelte sich ein Schiffstyp, der bis vor einigen Jahrzehnten das Hafenbild vieler Hafenstädte bestimmte, zu denen Stade auch zählt. Die Ewer waren an die Bedingungen ihres Fahrtgebietes geradezu ideal angepasst. Die Schiffsgröße wurde vorgegeben durch die Größe verschiedener Schleusen und Siele in ihrem Fahrtgebiet, um den Schiffen das Vordringen bis in fast jeden Winkel der Küstenregion zu gestatten. Ihre Masten waren klappbar, um das Passieren niedriger Brücken zu ermöglichen.geschichte3Ein geringer Tiefgang und ein flacher Schiffsboden erlaubte es ihnen, sich an Orten, an denen noch keine Hafenanlagen existierten, bei Ebbe vor den Deichen oder auf dem Inselwatt sich trocken fallen zu lassen, um dort be- und entladen zu werden. Mit der nächsten Flut segelten sie weiter. Seitenschwerter, die zu den Merkmalen des Küstenseglers gehörten, verbesserten ihre Segeleigenschaften, ohne beim Trockenfallen zu stören.

Die Segeleigenschaften dieses Frachtseglers waren abgesehen davon, dass er nicht gerade ein Flautenschieber war und nicht so hoch wie eine moderne Yacht an den Wind gehen konnte, recht gut. Wo die motorlosen Schiffe nicht segeln konnten, wurden sie in mühseliger Handarbeit durch Treideln oder Staken vorwärts bewegt.geschichte4

Um 1900 existierten auf der Elbe etwa 2000 dieser kleinen Lastensegler, noch bis ca. 1930 wurden sie auf zahlreichen Werften der Region anfangs aus Holz, später ausschließlich aus Stahl erbaut. Mit der Zeit jedoch gerieten sie zunehmend in Konkurrenz mit modernen Transportmitteln, den Eisenbahnen und Dampfschiffen, sowie einem immer besser ausgebauten Transportwegenetz zu Land. Wenn auch die weit verzweigten Nebenflüsse mit ihren kleinen Kanälen und engen Schleusen, das Wattenrevier und die flachen Sielhäfen das Überleben der kleinen Frachtschifffahrt in der Region noch einige Jahre sichern sollte, wurde der wirtschaftliche Druck zusehends größer. Um Konkurrenzfähig zu bleiben wurden in den Folgejahren mehr und mehr dieser alten Segler umgebaut, Masten und Segel wurden entfernt und durch Motoren ersetzt. Nur so konnten sie noch über Jahre weiter in ihrem angestammtem Revier fahren, bis ihnen ihre Lebensgrundlage durch Straßen, LKW und Eisenbahnen, aber auch durch Wasserbaumassnahmen, Eindeichung und Trockenlegung, vollständig entzogen wurde.geschichte 6

Quelle : Windsbraut e.V., www.windsbraut.de

Bildquelle: J.Fielitz, Wilhelmine von Stade - Die Lebensgeschichte eines deutschen Küstenseglers und seiner Besatzung, Stade 1987